Dienstag, 10. Februar 2026, Isar-Loisachbote / Stadt Wolfratshausen
Brody zählt die Toten
Wolfratshausens ukrainische Partnerstadt leidet im vierten Kriegswinter

Der Bürgermeister der ukrainischen Stadt Brody, Anatoliy Belej, in seinem Büro im Rathaus, in dem dutzende Dankschreiben von Militärangehörigen eingegangen sind. © Arnold Zimprich
Brody/Wolfratshausen – Mitte Januar 2026. Der Plan des Reporters, von der westukrainischen Großstadt Lviv in die Wolfratshauser Partnerstadt Brody zu fahren, zerstiebt im Schneetreiben. Der Winter hat die gesamte Oblast – so werden die ukrainischen Verwaltungseinheiten genannt, die in etwa einem Regierungsbezirk entsprechen – fest im Griff. Ich bin zum fünften Mal während des Krieges auf humanitärer Mission in der Ukraine und habe privat Geld für die NGO „Ptaha” gesammelt, die sich am Hauptbahnhof von Lemberg – so der deutsche Name von Lviv – um Binnenflüchtlinge kümmert. Daneben flechte ich Tarnnetze für die ukrainische Armee. Wie in jeder größeren ukrainischen Stadt gibt es in Lviv eine Gruppe Freiwilliger aller Altersklassen, die sich dem „Camo Netting” widmet, wie das Flechten der Netze unter den aus aller Herren Länder stammenden Volunteers, den freiwilligen Helfern, genannt wird.
Nach oftmals schlaflosen, von Sirenen unterbrochenen Nächten muss morgens die stabile Funktion aller kommunalen Einrichtungen, Schulen und Kindergärten sichergestellt werden.
Rathauschef arbeitet unter ständigem Luftalarm
Einen Abstecher nach Brody hatte ich fest eingeplant, immerhin liegt die Wolfratshauser Partnerstadt nur eine gute Fahrstunde von der Großstadt Lviv entfernt. Busunternehmer Andrij Gromjak, der unter anderem eng mit der Osteuropahilfe der Landkreise Bad Tölz-Wolfratshausen, München und Starnberg zusammenarbeitet und den ich von mehreren Besuchen kenne, schickt mir jedoch per WhatsApp Bilder von im Schnee stecken gebliebenen Autos und Bussen. Es wird nichts mit Brody. Nach zwei Wochen Ukraine steht meine Rückreise nach Deutschland an, und die will angesichts der zeitraubenden Grenzformalitäten sorgfältig vorbereitet sein. Im Juli bin ich wieder in der Ukraine – und dann hoffentlich auch in Brody.
Allerdings kann ich einen kleinen Fragenkatalog an Brodys Bürgermeister Anatoliy Belej schicken. Man spürt sofort, dass sich die Stadtverwaltung über das Interesse aus Oberbayern freut – und das Stadtoberhaupt kommt auch gleich zum Punkt. „Ich arbeite unter ständigen Luftalarm-Warnungen”, sagt der 63-Jährige und betont, dass die Stadtverwaltung besonders jetzt, nach knapp vier Jahren Krieg, eine „außerordentliche Verantwortung für das Funktionieren der Gemeinde” habe. „Nach oftmals schlaflosen, von Sirenen unterbrochenen Nächten muss morgens die stabile Funktion aller kommunalen Einrichtungen, Schulen und Kindergärten sichergestellt werden”, berichtet Belej. Aktuell ist dies aufgrund häufiger Stromausfälle besonders schwierig, da Russland gezielt die Energieinfrastruktur der Ukraine zerstört. „Es kommt vor, dass für sieben bis acht Stunden kein Strom verfügbar ist.”
Belej betont, wie sehr Brody unter den massiven russischen Angriffen auf die Energieinfrastruktur der Ukraine zu leiden hat. „Während die Angriffe früher weniger intensiv waren, sind die heutigen Ereignisse in unserem Land wirklich erschreckend”, sagt Belej. Dass die Stromversorgung aller Gemeindebewohner nicht mehr vollständig sichergestellt werden kann, macht dem Rathauschef besonders zu schaffen. Die Menschen sind gezwungen, selbst Generatoren zu kaufen, was besonders Senioren angesichts geringer Renten vor große finanzielle Hürden stellt.
Teil der Unternehmen musste kriegsbedingt Tätigkeit einstellen
Auf die Frage, worin aktuell die größte Herausforderung für den Bürgermeister und für den Stadtrat besteht, muss Belej nicht lange überlegen: „Die stabile Funktion der Bildungseinrichtungen und Kindergärten sicherzustellen sowie die Voraussetzungen für das Funktionieren der Wirtschaft zu schaffen”.
Ich denke oft darüber nach, wann das alles enden wird.
Wie Wolfratshausen ist Brody Sitz zahlreicher mittelständischer Unternehmen wie Elektrokontakt Ukraina, einem Automobilzulieferer mit einst 1000 Mitarbeitern. „Unter den Kriegsbedingungen war ein Teil der Unternehmer leider gezwungen, ihre Tätigkeit einzustellen”, klagt Belej. Kleine, mittlere und große Unternehmen müssten aber arbeiten, denn ohne eine funktionierende Wirtschaft ist das Funktionieren der Stadt, des Landes und die Unterstützung der ukrainischen Streitkräfte nicht möglich. „Jedes Jahr überweist unsere Gemeinde 123 Millionen Hrywnja (rund 2,42 Millionen Euro, Anm. d. Red.) an den Staatshaushalt und unterstützt zusätzlich militärische Einheiten, die sich an uns wenden.“ Im Jahr 2025 hat die Stadt Brody über 20 Millionen Hrywnja, rund 394 000 Euro, zusätzliche Unterstützung für die ukrainischen Streitkräfte bereitgestellt. Belej: „Ohne einen gut gefüllten lokalen Haushalt könnten wir weder Gehälter auszahlen noch unsere Soldaten unterstützen”, sagt Belej.
Wann wird dieser furchtbare Krieg zu Ende sein? Brody hat seit Beginn des russischen Angriffskrieges mehrere Angriffe erlitten. Wenige Kilometer vom Ort entfernt befindet sich ein Stützpunkt der ukrainischen Luftwaffe, der mehrfach Ziel russischer Angriffe war. In zwei Kilometer Entfernung befindet sich ein großes Öldepot an der Druzhba-Pipeline, das Ende Januar in Flammen aufging und auch nach acht Tagen, als unsere Zeitung das letzte Mal in Kontakt mit Andrij Gromjak stand, nicht gelöscht werden konnte. „Bei der Analyse der Aussagen unserer internationalen Partner und angesichts der Kriegsgeschehnisse hier bei uns bekomme ich leider keine klare Vorstellung davon, wann dieser Krieg beendet sein könnte”, sagt Belej. „Die Position der Vereinigten Staaten ist nicht immer konsequent, die erforderliche Hilfe trifft nicht immer rechtzeitig und in vollem Umfang ein”.
Bürgermeister ist für Hilfe aus Deutschland sehr dankbar
Trotzdem ist Anatoliy Belej Brodys Partnern aus Deutschland, Großbritannien, Irland und Polen für ihre ständige Unterstützung der Ukraine aufrichtig dankbar. „Wir spüren die Unterstützung unserer ausländischen Partner. Aus Irland und Großbritannien wurden über 120 Geländewagen und Krankenwagen in die Ukraine geliefert.” Ein Teil davon wurde an die Streitkräfte übergeben, ein Teil an Freiwillige, die die Evakuierung der Zivilbevölkerung aus den Kampfgebieten organisieren. „Aus Deutschland werden wir insbesondere von der Ukrainehilfe Breitscheid St. Laurentius und der Osteuropahilfe der Landkreise Starnberg, Bad Tölz-Wolfratshausen und München unterstützt. Von diesen Organisationen erhalten wir regelmäßig humanitäre Hilfe” – Lebensmittel, Kleidung und Generatoren, die an diejenigen weitergegeben werden, die sie am dringendsten benötigen.
Bittere Bilanz: Mehr als 220 Tote und fast 150 Vermisste
„In unserer Gemeinde sind heute fast 4000 Binnenvertriebene aus den Kriegsgebieten registriert”, berichtet Belej. Die überwiegende Mehrheit von ihnen lebt im privaten Sektor, da bislang keine speziellen Unterkünfte für Binnenvertriebene in der Gemeinde gebaut wurden. Es gibt ein Objekt außerhalb der Stadt, in dem Vertriebene leben, darunter Menschen mit Behinderungen und Kinder. „Die Lage an der Front bleibt schwierig und dynamisch, und die weiteren Entscheidungen hängen von der Entwicklung der Ereignisse und der internationalen Unterstützung ab.“
Vor einem Jahr, meinem bis dato letzten Gespräch mit Belej, gab es in der Gemeinde rund 200 Todesopfer. „Heute müssen wir mit großem Schmerz feststellen, dass fast 400 Familien durch den Krieg betroffen sind und ihre Ernährer verloren haben“. Jemand hat seinen Sohn verloren, andere ihren Vater oder Ehemann. „Insgesamt gibt es in unserer Stadt über 220 Tote und fast 150 Vermisste, bei denen leider nur eine sehr geringe Wahrscheinlichkeit besteht, dass sie noch leben.” Der Friedhof an der Chuprynky-Straße, er muss ein ums andere Mal erweitert werden.
„Ich denke oft darüber nach, wann das alles enden wird. Unsere Verteidiger zu beerdigen ist extrem schwer, da hinter jedem von ihnen Kinder, Familien, Eltern und Ehepartner stehen. Wir alle erleben dies sehr schmerzhaft und fragen uns jeden Tag, wann dieser Krieg endlich vorbei sein wird.“ Belej dankt den Deutschen aufrichtig für die Unterstützung und Hilfe, die der Ukraine ermöglicht, „im Kampf gegen den Aggressor standzuhalten”.
Der Bürgermeister stellt fest, dass es in der Ukraine um alles geht: „Wir kämpfen für unsere Würde,
Das Spendenkonto der Osteuropahilfe
OSTEUROPAHILFE LKR STA-WOR-M
IBAN DE97 7005 4306 0055 0035 60

Die "Wand der Hoffnung" in Wolfratshausens Partnerstadt Brody mit den Fotos von ukrainischen Soldaten, die als vermisst gelten.
Foto: Arnold Zimprich
